Privillegienverzicht


Wenn man sich ein bischen mit dem Feminismus beschäftigt, bekommt man recht schnell mit, dass man als weisser heterosexueller Mann von Geburt an mit Privillegien überschüttet wird. Ich mag nun auf den Sinn oder Unsinn gar nicht eingehen.

Hier mal ein paar Privillegien, die auch eine besondere Gruppe von Menschen hat, der ich auch angehöre. Menschen, die ein Aufenthaltsrecht in Deutschland haben, oder noch eingegrenzter: Menschen mit deutscher Staatsbürgerschaft.Ich habe ja eine Weile auf den Philippinen gelebt. Man merkt da recht schnell, wie vieles man als gegeben hinnimmt, was aber keineswegs überall so ist.

Nehmen wir mal den deutschen Pass. Mit dem kann man quasi problemlos in jedes beliebige Land einreisen. Wenn ich nach Hong Kong will, setze ich mich in einen Flieger, fülle drinnen einen Zettel aus, bekomm nen Stempel in den Pass und das war es. Ein Philippino? Der fängt zwei Monate vorher an, sich um ein Visum zu kümmern. Da muss er begründen, was er da will und glaubhaft machen, dass er auch wieder zurückfliegt. Ein Visum für einen Besuch in Deutschland? Beinnahe unmöglich. Nicht, wenn man nicht zumindest einen Topjob hat, Kinder, die nicht mitkommen, allzu jung sollte man nicht sein.

Rechststaat auch das eine Sache, die man gerne als selbstverständlich annimmt. Ah, nein, bei uns wird ja das Recht verdreht und man ist der Staatsgewalt hilflos ausgeliefert. Klar, es gibt die Fälle unbegründeter Polizeigewalt, auch Korruption gibt es bei uns. Aber das ist kein Vergleich. Wenn mich auf den Philippinen die Polizei angehalten hat, dann hat mich das immer Geld gekostet. Ganz ohne Strafzettel natürlich. Als Weisser zahlte ich etwas mehr als ein Philippino, die $10 taten mir nicht wirklich weh, aber das erschüttert doch ne ganze Menge Vertrauen. Korruption auf den Philippinen ist allgegenwärtig.

Medizinische Versorgung wie gut die hier bei uns ist, ist glaube ich keinem bewusst. Ein paar Episoden aus meiner Philippinenzeit. Mein erstes Erlebnis: Fieber am Wochenende. Also ins Krankenhaus. Als guter Expat hat man sich natürlich vorher die besten Adressen rausgesucht. Im Wartesaal angekommen, liegt ein Mann mit einem offenen Beinbruch auf einer Bahre. Beisholz im Mund. Familie kann sich das Schmerzmittel nicht leisten. $13. Ich hab bezahlt, er hat das Opiat bekommen. Geht ja noch, denk man sich so. Ein Erlebnis, dass ich nie vergessen werde, ist ein alter Mann, vor einer Apotheke sitzend, heulend. Ich frag ihn was los ist. Er: meine Frau hat eine Lungenentzündung und muss sterben, weil ich kein Geld mehr für das Antibiotikum habe. Er zeigt mir das Rezept $10.
Einer der Leute, die bei mir arbeiteten (damals hat das noch eine philippinische Firma in unserem Auftrag gemacht, ich hab die Leute nur ausgewählt und trainiert) wurde von einem Hund gebissen. Tollwut ist da sehr verbreitet. Er war beim Arzt, aber da er erst 4 Monate gearbeitet hat, die Krankenversicherung erst nach 6 Monaten beginnt, waren die $500 für den Impfstoff nicht bezahlbar. Tollwut ist tödlich. Hier verschwendet da keiner einen Gedanken daran. Der Mindestlohn lag dort bei 90 Euro/Monat. Und es wurde nicht mehrheitlich der Mindestlohn verdient.

Ich könnte noch eine ganze Weile weiterschreiben. Meinungsfreiheit, Bildung, staatliche Versorgung (Sachen wie Hartz4 konnten meine MItarbeiter schlicht nicht glauben, auch war es völlig utopisch anzunehmen, es könnte mehr als 10 Tage bezahlte Krankenfehlzeit im Jahr geben).

Ja, ich lebe ein sehr privillegiertes Leben. Aber das macht sich nicht daran fest, dass ich mein Tshirt ausziehen oder meine Frau in der Öffentlichkeit küssen kann. Privillegienverzicht? Hilft es jemand in Russland, wenn ich auf mein Recht auf freie Meinung verzichte? Kaum, oder? Hier in Deutschland von „menschenunwürdigem Sozialsystem“ zu reden, halte ich für eine sehr weltfremde sicht der Dinge. Die „Unternehmen, die hier nur Hungerlöhne zahlen“, da hatte ich eine Diskussion mit einem, der anschliessend sein LG Handy zückte. Ein Arbeiter in China verdient kaum mehr als $100, dass in Deutschland keine Handys produziert werden, liegt nicht an den Unternehmen, es liegt an uns Verbrauchern mit unserer Geiz ist geil Mentalität. Selbst das Fairphone (hoffentlich kommt meins bald) wird nicht hier, sondern in China produziert. Zwar dort fair, aber hier zu produzieren würde schlicht jeden Preis sprengen. Was macht einen deutschen Arbeitslosen eigentlich soviel wertvoller als einen philippinischen? Der Deutsche muss sich immernoch keine Sorgen um sein Essen machen, sich keine Slumhütte zimmern, keine Sorge haben, dass etwas, das mit Amoxycillin behandelbar ist zu seinem Tode führt.

2 Gedanken zu „Privillegienverzicht

  1. Ja, und die etwas wohlhabenderen müssen keinen Raub, Raubmord oder Entführung von Familienmitgliedern im großen Stil fürchten.
    Global und politisch gesehen stellt sich die Frage doch wirklich. Zum Beispiel wenn gefordert wird, das ein Diktator abtreten soll und teilweise schon mit dem militärischen Privileg erfolglos versucht. Oder die Forderung, das China die Patentgesetze einhalten und Meinungsfreiheit zulassen soll. Die ganze EU war eine Aufgabe von Privilegien der Volkswirtschaften, der Binnenmarkt beispielsweise, mit Abbau von Zöllen, EU REchte brechen Länderrechte, usw…
    Oder gerade der Streit über den Exportüberschuss von Deutschland, da meinen alle, verzichtet auf euer Privileg, dann gehts uns allen besser, auch euch. Oder das die deutsche Regierung meint, die USA sollen auf das Privileg zur SPionage verzichten… Das sind doch alles so Dinger…

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