Arm in Deutschland


Eine neue Armutsstudie wurde veröffentlicht. Demnach sind 12,5 Millionen Menschen in Deutschland arm.
Das ist eine ganze Menge.

Die Armut in Deutschland ist dem Paritätischen Wohlfahrtsverband zufolge sprunghaft angestiegen.

Schlimm, oder? Das trotz guter Wirtschaftslage.
Aber ich mag die Definition der Armut nicht. „Als arm gelten nach einer Definition der EU Personen, die über weniger als 60 Prozent des mittleren gesellschaftlichen Einkommens verfügen“
Haben wir nun mehr Arme in Deutschland? Hm.
2012 galt als arm wer weniger als 781 Euro netto im Monat hatte . Nur 2 Jahre später braucht man sch 892 Euro, um nicht mehr als arm zu gelten. Das sind mal 14% mehr. Wieviel des „Armutsanstiegs“ wohl daraus resultiert, dass weniger Menschen Hartz 4 beziehen und nun erwerbstätig sind?
Kann man Armut wirklich dadurch definieren, wieviel ich im Vergleich zu anderen verdiene? Ist das dann Armut oder Neid? Hatte jemand, der 2012 860 Euro (Kaufkraft von 890 2012) verdiente, 2012 ein besseres Leben als heute mit 892? Kaum, oder?

Interessanter für mich wäre der Anstieg oder Abfall der Personenzahl, die, kaufkraftbereinigt, weniger als Betrag x zur Verfügung haben.

Sind wir, wenn es mehr Rentner gibt, die Renten weiter sinken, dann weniger arm, weil die Mehrheit weniger verdient?

Alles wird schlechter. Früher war alles besser. Früher, als es bei vielen Familien nur für einmal Fleisch die Woche, einen Schwarzweissfernseher und ein Festnetztelefon reichte, ja da waren wir wohlhabend. Das Leben meiner Familie, als ich Kind war, würde man heute als „menschenunwürdig“ bezeichnen. Öl mit der Kanne aus dem Keller holen. Ölöfen in den Zimmern. Kohleofen in der Küche. Und ich war da schon eher ein Mittelschichtkind. Am unteren Ende, aber bis auf das ich nur auf KJG Freizeiten konnte statt in den Urlaub ans Meer zu fahren, hatte ich alles, was ich brauchte.

Da wird der Kapitalismus mit seiner Wachstumsgier beklagt, die Gesellschaft ist aber mindestens genauso gierig. Wir merken gar nicht mehr, was für Annehmlichkeiten wir geniessen, die vor 20 Jahren noch undenkbar waren. Der allgemeine Wohlstand, selbst der ALG2 Bezieher ist deutlich höher, als meiner vor 35 Jahren.

Als Student hatte ich, je nachdem, wie viele Stunden ich arbeitete, im Schnitt so 800 Mark im Monat. Ok, das war ’94.
Wenn ich dem Rechner glauben kann, dann entsprächen das heute 578 Euro. Da war ich wohl bitterarm (gar deutlich unter Hartz4). Hm. Ok, das Geld war schon knapp, aber wirklich „arm“ habe ich mich nicht gefühlt. Ich hatte genug zu essen, ein recht großes Zimmer, sogar für Tabak und ein Auto hat es gereicht. Nun gilt ein Single mit fast doppelter Kaufkraft als arm.

8 Gedanken zu „Arm in Deutschland

  1. Es tatsächlich schwierig, Armut gut zu definieren und vor allem international vergleichbar zu machen. Ein rein relativ gemessener Reichtum wird dazu führen, dass der Ölscheich, dem zwischenzeitlich die dritte Yacht abgesoffen ist, plötzlich arm wird, während das Kind in der brasilianischen Favela, dass ein Stück Dachpappe gefunden zu hat, um sich vor dem Regen zu schützen, auf einmal reich wird.

    Von Walter Krämer meine ich einmal folgende grobe Definition gelesen zu haben: Arm ist, wer aufgrund seiner beschränkten Mittel nicht am allgemeinen gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann. (Das gut zu messen ist natürlich eine Herkulesaufgabe.) Immerhin erklärt sich damit, warum wir heute höhere Ansprüche haben und woher dieser seltsame Warenkorb stammt, mit dem man Vergleiche durchführt.

    Schlecht gemessene Armut bzw. schlecht gemessener Reichtum war bereits zweimal Thema in der Unstatistik des Monats, welche ich aus anderem Anlass beim Geschlechterallerlei zitiert habe:
    Die armen Millionäre
    Schweizer auf Platz 1 des Reichen-Rankings

    • „Von Walter Krämer meine ich einmal folgende grobe Definition gelesen zu haben: Arm ist, wer aufgrund seiner beschränkten Mittel nicht am allgemeinen gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann.“
      Was ist die Bezugsgröße? Der Bekanntenkreis? Die Stadt? Das Land? Die Menschheit?

      Was ist das gesellschaftliche Leben? Reicht ein Schachbrett, soll es der Fernseher mit Schüssel sein, oder muss es für einen wöchentlichen Theaterbesuch reichen?
      Das ist alles recht komplex. Und mir fällt keine gute definition ein, ausser, dass die Grundbedürfnisse, Nahrung und Unterkunft gedeckt sein müssen. Was mich aber da ärgert ist, dass behauptet wird, dass die Armut sprunghaft anstieg.

      • Die Bezugsgröße: In einer Großstadt wie Berlin könnte das schon der jeweilige Kiez sein. In einer Kleinstadt durchaus die Stadt selbst. Genauer zu definieren, was man können tun muss, ist natürlich schwierig.

        Die Frage nach den Grundbedürfnissen ist dann die nächste Frage. Heute würde ich tatsächlich zum Beispiel sagen: Wer keinerlei Zugang zum Internet hat, der ist arm dran.

        Wo bekomme ich meine Nachrichten her? Wie kann ich mich über das Zeitgeschehen informieren? Der informierte Wähler soll ja gerade nicht auf ein bestimmtes Vermögen angewiesen sein.

        „Arm trotz Arbeit“ – also staatliche Unterstützung bekommen, obwohl man arbeitet – finde ich auch tatsächlich arm. Denn dann haben wir es mit Leuten zu tun, die eigentlich ihren Teil zur Gesellschaft beitragen wollen (und offenbar können), aber trotzdem keinen Fuß auf die Erde bekommen.

        • weiss nicht, was ich mit dem „leider“ kommentar unten meinte.

          Auf das Kiez genau? Werde ich also ärmer, wenn ich einen reichen Nachbar bekomme? Ist ein Mensch in Baden-Baden mit 4000 Euro netto arm?
          Das Arm trotz Arbeit. Das beisst sich wieder mit der Armutsdefinition. Auch glaube ich nicht, dass es schlimm ist, wenn eine Versorger von 4 Kindern trotz vollzeitstelle noch geld vom staat bekommt.

  2. Noch eine andere Sache: Es kommt natürlich auch auf die Aussichten an. Wenn ich als Student mit relativ knappen Mitteln leben muss, danach aber gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt winken, muss ich mir weniger Sorgen machen (Gegenteil heute: Generation Praktikum).

  3. Das wirklich furchtbare dabei sind Headlines wie „Armut trotz Wohlstandswachstum gestiegen“. Da frag ich mich immer, ob die Verfasser die entsprechende Definition von Armut überhaupt gelesen haben. In dieser Interpretation ist die Definition natürlich Unfug. Allerdings muss sie das nicht generell sein. Armut ist nun einmal nicht absolut, sondern muss irgendwie relativ definitiert werden. Ansonsten könnte ich bezüglich der Armut in Afrika auch darauf verweisen, dass es den armen in Europa vor 1000 Jahren noch schlimmer erging und sie sich ergo lieber über ihre Situation freuen sollten, statt sich zu beklagen.

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