Genderforschung


Seit Anton Hofreiter bei hart aber fair reloaded die weibliche Knieprothese als Beispiel für die Wichtigkeit der Genderstudies anbrachte, schwirrt der Blogpost in meinem Kopf.

Dass es biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, werden gerade die Genderstudieskritiker sicherlich nicht abstreiten. Genderstudiesbefürworter gehen doch aber eher davon aus, dass Geschlecht sozial konstruiert ist oder? Ich finde schon, dass die Geschlechterforschung durchaus sinnvoll und erkenntnisschaffend sein könnte. Und damit meine ich nicht nur die biologischen Aspekte. Warum hagelt es da so viel Kritik?
Wikipedia meint hier Folgendes:

Die Freiburger Soziologin Nina Degele (2008) nennt in Gender studies / Queer studies unter Rückgriff auf Janet Saltzman Chafetz drei den verschiedenen Forschungsperspektiven der Fachrichtung gemeinsame Postulate:

1. Postulat des Geschlechts als „zentraler Fokus der Theoriebildung“
2. Postulat der Problematik gegenwärtige Geschlechterverhältnisse
3. Postulat, dass diese gegenwärtige Geschlechterverhältnisse weder „naturgegeben noch […] unveränderlich“ seien.
Danach basieren die verschiedenen Forschungsrichtungen der Gender Studies in der Theoriebildung auf einem gemeinsamen feministischen Ansatz.[6]

Die Trierer Germanistin und Gender-Forscherin Franziska Schößler (2009) erklärt in Einführung in die Gender Studies ebenfalls, dass Gender Studies „dasjenige Projekt [fort]setzen, das feministische Ansätze seit den 1970er Jahren verfolgen: die Analyse und Kritik asymmetrischer Geschlechterverhältnisse.“

Und damit geht das dann kaputt. Das wäre in etwa so wie wenn der Studiengang Geschichte das Postulat
„Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“
gelten würde.
Ich glaube, Geschlechterforschung ist notwendig. Aber eben ohne die Scheuklappen. Ich bin eben nicht der Ansicht, dass die feministische Sicht der 70er auf die Geschlechterverhältnisse und deren Asymmetrie heute noch anwendbar ist. Es reicht nicht, das Stereotyp des unterdrückenden Mannes auszupacken, um zu erklären, warum Frauen zwar die Mehrheit der Studenten stellen aber eben nur eine absolute Minderheit der Ingenieure. Es reicht nicht, dass die schlechten schulische Leistungen von Jungen mit deren Faulheit erklärt werden.

Dann kam gestern noch dieser Artikel in meine TL: Die Vielfalt zum Schweigen bringen
Besonders der letzte Abschnitt:

Im Antigenderismus geht es nicht nur um ein akademisches Fach. Es geht um eine Haltung, die weder diskutieren noch verstehen, sondern Vielfalt zum Schweigen bringen will.

spiegelt schön wider, wie sehr die „Genderisten“ in den 70er Jahre Feindbildern gefangen sind. Ich will diskutieren. Ich will gar verstehen. Ich will ganz sicher niemanden zum Schweigen bringen. Zweifle ich aber eines der 3 Postulate an, werde ICH geblockt. Und da will dann auch niemand mehr diskutieren. Und Meinungsvielfalt ist dann auch gar nicht so sehr gewünscht.
Ja, ganz viele der Genderkritiker haben ein Weltbild, mit dem ich nichts zu tun haben will. Auch in unserer Blogblase hat es viele, mit denen ich außer „Der Feminismus ist nicht das personifizierte Gute“ keine übereinstimmende Meinung habe.
Aber es gibt sie eben doch, die berechtigte Kritik an den Genderstudies. Und von einer Wissenschaft erwarte ich, dass sie sich dieser stellt. Und von einer Wissenschaft, die sich der Vielfalt verpflichtet fühlt, erwarte ich keine Scheuklappen wie sie die 3 Postulate suggerieren.

3 Gedanken zu „Genderforschung

  1. Hi,
    danke für den Hinweis auf den WOZ-Artikel. Ich sammle gerade Beiträge zur Debatte über die Wissenschaftlichkeit der Gender Studies, die gerade hochkocht und die ich schon seit langem im Visier habe. Hier die aktuelle Liste der Verteidigungen / Anpreisssungen der Gender Studies.
    Darin treten immer wieder die gleichen Argumentationsfehler auf. Besonders beliebt sind ad-hominem-Attacken. Frau Schutzbach bekommt das besonders elegant hin, indem sie Kritiker, die die Unwissenschaftlichkeit der Gender Studies argumentativ belegen, als Antiintellektuelle(!) und Autoritäre bezeichnet, sie baut Strohmänner auf, indem sie Kritikern nicht vertretene Behautungen in den Mund legt, nahezu in jedem Satz Begriffstricksereien und Doublespeak, usw.usw.
    Man verliert schnell die Lust, das alles immer wieder neu zu lesen. Ich konzentiere mich inzwischen auf die Publikationen, die eine große Reichweite haben oder die von besonders bekannten Vertreterinnen der Zunft stammen. Bei dem WOZ-Artikel bin ich mir nicht sicher, ob er in eine dieser Kategorien gehört.
    Den wiederholten Versuch von Hofreiter (und anderen), die Gender Studies durch Okkupation medizinischer Forschung aufzuwerten, hatte Kelle sehr schön mit der Bemerkung bloßgestellt, Frauen hätten kein „soziales Knie“, sondern ein weibliches.

    PS: der 2. Absatz sieht irgendwie verunglückt aus.

  2. Dass Männer und Frauen anatomisch unterschiedlich sind, soll erst durch Gender Studies erkannt worden sein? Knieprotesen und ihre Anpassung (ich wette da gibt es noch mehr Kriterien als das Geschlecht) sind ein technisch-medizinisches Problem und haben mit dem Hinterfragen von Geschlechterrollen oder dem „sozialen Geschlecht“ rein gar nichts zu tun. Ein wenig ärgert es mich beim Zusehen, dass niemand diesen Punkt angegriffen hat und er einfach mit diesem Unfug durchgekommen ist.

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