Deutsche


Ich bin absolut kein Antideutscher, ja, ich bin sogar manchmal stolz, Deutscher zu sein. Dennoch steht mir ein Mensch aus Köln emotional nicht näher als einer aus Damaskus. Ich kenne beide nicht.

Die AfD liegt mit dumpfen rechten Parolen bei bundesweit 9%, in den neuen Ländern bei 14%. Hauptthema da eben die Flüchtlingsdebatte. PEGIDA, und wie unsere Werte kaputtgehen.

Sicherlich, der Wiedervereinigungsvergleich hinkt an ewig vielen Stellen, dennoch. Vereinigt wurde der Westen mit seinen 60 Millionen Einwohnern mit dem 16 Millionen des Ostens. Die Kosten waren immens. Wikipedia veranschlagt diese zwischen 1,3 und 2 Billionen Euro Stand 2014. Für mich als Westler, 1974 geboren waren die beiden deutschen Staaten Realität. Bis 1989 hätte ich eine Wiedervereinigung als großdeutsche Spinnerei abgetan. Als es dann doch so kam war ich baff und habe mich gefreut. Die Kosten? Egal. Die schnelle Einführung der Westmark war vielleicht nicht ganz so clever, aber ich habe mich gefreut. Die Menschen der DDR waren frei. Weg von der Diktatur, weg von der Planmangelwirtschaft.
Nun gehen Menschen, die eigentlich zum Großteil noch wissen müssten, wie sich eine Diktatur und Unfreiheit anfühlt auf die Straße, um gegen Menschen zu demonstrieren, die genau vor einer solchen Situation, ja gar eskaliert, fliehen. Man stelle sich vor, die Sowjetunion hätte die Montagsdemos niedergewalzt, Menschen wären von Ost nach West zu Hunderttausenden geflohen und wir wären hier auf die Straßen gegangen um gegen unsere drohende Werteerosion, ja gegen die Invasoren aus dem Osten zu demonstrieren.
Aber nein, ist ja etwas ganz anderes, wir teilten ja die gleichen Werte. Nicht so wie die bösen Muslime, die uns nun überrennen. Hm. Hatten wir wirklich die gleichen Werte? Hat ein Mensch, der im realexistierenden Sozialismus aufwuchs wirklich die gleichen Ideale wie einer, der in der Marktwirtschaft aufwuchs? Hätten die Wessis damals nicht vor einer Kommunisierung des Abendlandes warnen müssen? Dass eine Partei wie die Linke im Westen in Parlamente kommt, das wäre vor der Wende undenkbar gewesen.

Wenn nun die PEGIDA skandieren, sie seien das Volk, so kann ich nur sagen, nein, ihr sprecht nicht für mich. Eure Werte liegen mir weit ferner als die des Syrers, mit dem ich dann und wann einen Kaffee trinke.

Ich bin dennoch niemand, der behauptet, dass die Flüchtlinge uns nicht einen ganzen Stall ernsthafter Probleme bereitet. Ein „Wir schaffen das“ alleine reicht nicht. Die Regierung muss uns schon auch erklären, wie wir das zu schaffen gedenken.
Ich kann die Sorgen vieler verstehen, ich teile auch einige. Wenn wir nun einfach nur für eine notdürftige Unterbringung sorgen, wird es wirklich zu Parallelgesellschaften kommen.
Alle Staatsbedienstete (auf allen Ämtern, Schulen etc.) brauchen klare Anweisungen und Handlungsspielräume. Und eben auch das Personal. Dass Vorbereitungsklassen von der bestehenden Lehrerschaft bestritten werden, ist kein Dauerzustand. Auch die Anerkennung von Abschlüssen muss in die Gänge kommen. Meinen alten TT lasse ich gerne von einem afghanischen Automechaniker reparieren, mein Herz vielleicht nicht zwingend von einem Arzt mit einem syrischen Abschluss.
Wir müssen überlegen, ob für einen anerkannten Flüchtling wirklich noch eine Vorrangprüfung sinnvoll ist.
Auch dass sich der Schengenraum als Ganzes vornehm zurücknimmt, geht nicht.

Und ja, wir müssen auch wieder mehr Wohnraum schaffen. Wobei die Finanzierung hier eigentlich ein Leichtes wäre. Bei den Zinsen würde ich gerne bisschen was in einen steuerlich begünstigten extra Fonds einzahlen. Und ich bin hier bestimmt nicht der einzige.

Wir müssen wirklich Integrationsanstrengungen unternehmen, von alleine wird das nicht passieren. Wir müssen z.B. offen diskutieren, ob eine Burka etwas ist, was sich mit unserer Gesellschaft vereinbaren lässt. Viele Menschen haben hier Angst.

Mich persönlich ängstigt es aber viel mehr, dass wir 25 Jahre nach der Wiedervereinigung immernoch in sehr unterschiedlichen Kulturen leben, als die Flüchtlingswelle.
Ja, auch im Westen gibt es Rechtsextreme, aber eine Pegida vergleichbare Demo fehlt hier gottlob. Liegt es hieran?
Dass es Menschen gibt, die glauben alleine aufgrund ihres Geburtorts oder ihrer Abstammung mehr wert seien als andere. Dass Rechtsextremismus plötzlich in Teilen der Gesellschaft salonfähig ist. Dass gar von Vernichtungslagern offen fantasiert wird.
Mit der SED Nachfolgepartei habe ich mich abgefunden, wird für mich immer ein Rätsel bleiben, wie jemand eine Partei wählen kann, die jahrzehntelang die Demokratie mit Füßen trat, ein Land in den Ruin führte… aber ok, die meisten der Linken stehen zumindest dem Anschein nach inzwischen zu unsererem Grundgesetz.
Eine rechtsextreme Partei, wie es die AfD die letzten Wochen immer mehr wurde, mit 9%.. macht mir Angst.

Zu guter Letzt. Ja, der Post klingt über weite Strecken wie dumpfes Ossigebashe. Sorry dafür. Wenn die AfD im Osten 15% erhält, heißt das ja, dass 85% sie eben nicht wählen würden. Auch die Pegida stellt ganz sicher nur eine Minderheit. Und selbst da sind vielleicht immernoch einige nur unzufrieden mit unserer Regierung, wozu es mehr als einen legitimen Grund gibt. Auch im Westen gibt es einen wachsenden Rechtsextremismus. Nicht besser.

7 Gedanken zu „Deutsche

    • bei nem arzt wwüsste ich schon ganz gerne, dass er ausgebildet ist. Die Papiere gehen da oft verschuett und ob die ausbildung dort wirklich mit der hier vergleichbar ist, sollte auch geprüft werden.

  1. „Die Kosten? Egal.“
    Das ist (bzw. war) aber nicht ganz so clever, und dass kann und muss dann auch kritisiert werden.
    Bezogen auf die heutige Situation heisst das, die Flüchtlinge kosten Geld, und da reicht es nicht aus zu sagen „Wir machen das“, sondern das muss dann auch entsprechend im Etat alloziert werden. Bei vielen Leuten muss ich einfach feststellen, dass die Anforderungen an unsere Gesellschaft in keinem Verhältnis stehen zur Bereitschaft zur Steuerentrichtung.

    • Nunja.. ich könnte mir zum besipiel gut vorstellen, dass der Soli für die Flüchtlinge verwendet wird. Wir haben zur zeit rekordsteuereinnahmen. Dass es die Unterbringung nicht zum Nulltarif gibt, ist klar. Allerdings kann sich das mittel bis langfristig auch durchaus lohnen.

  2. Ich habe auch nichts gegen Ostdeutsche, aber…ich kenne doch einige. Und mit einem dieser Menschen mit so „ganz anderen Werten“ hatte ich neulich eine sehr interessante Diskussion. Er hatte da ein paar Argumente, die so gar nicht in das Weltbild des oberschlauen Wessis passten, über die man vielleicht mal diskutieren könnte.
    Erstens: gerade weil die Ostdeutschen in einer Diktatur mit „Aktueller Kamera“ und „Neues Deutschland“ aufgewachsen sind, und sich zu Recht dann über eine freie Medienlandschaft gefreut haben, reagieren sie besonders empfindlich auf eine Gleichschaltung der Leitmedien, wie wir sie in letzter Zeit erleben mussten.
    Zweitens: Die Integration der hier lebenden Moslems hat zum Großteil bisher eher schlecht als recht funktioniert, bei überschaubaren Zuzugszahlen über Jahrzehnte hinweg.Die begangenen Fehler werden aber nicht zugegeben, und schon gar nicht beseitigt. Die Ostdeutschen sehen begreiflicherweise nicht ein, warum sie jetzt das Gleiche in kürzester Zeit wiederholen sollen.
    Drittens: Nach wie vor geht es vielen Ostdeutschen materiell ziemlich bescheiden. Blühende Gärten wurden versprochen, die Realität ist Hartz4, Wohnungsknappheit, Arbeitslosigkeit, prekäre Beschäftigung. Und nun sollen sie gefälligst unserer Bundeskanzlerin ihr „Wir schaffen das“ glauben ?
    Vielleicht machen sich ja viele ostdeutsche zu viele Sorgen, und sicher gibt es auch etliche, die mit Zuwanderern nichtdeutscher Herkunftssprache grundsätzlich Probleme haben. Wir Wessis machen allerdings auch einen großen Fehler, wenn wir deren Sorgen vom oberschlauen Ross herunter einfach über den dumpfen rechten Kamm scheren.

    • “ Wir Wessis machen allerdings auch einen großen Fehler, wenn wir deren Sorgen vom oberschlauen Ross herunter einfach über den dumpfen rechten Kamm scheren.“
      Sorgen kann man haben, darüber kann man sprechen. Einen Spruch alla „leider gibt es die KZs nicht mehr“ aber nicht auszubuhen, das ist rechts. Von einer Islamisierung des Abendlandes zu schwadronieren, das ist rechts. Verständnis für Freital, das ist rechts.
      15% für eine nach Rechts gerückte AfD, das ist rechts. Ob das durch Sorgen bedingt ist, durch mangelnde Bildung durch was auch immer, das ist mir egal. Islamismus ist für mich Islamismus, und Rechtsextremismus Rechtsextremismus. Und zu behaupten dass letztere in den neuen Ländern verbreiteter ist, ist genausorichtig wie das ersterer im nahen Osten verbreiteter als ind Deutschland ist.

    • „Ich hab ja nix gegen aber..“ ist nie eine gute Einleitung.

      Was meinst du denn mit der „Gleichschaltung der Leitmedien, wie wir sie in letzter Zeit erleben mussten“? Kannst du da mal ein paar Beispiele nennen wann und wie (Gesetzesgrundlagen?) die Gleichgeschaltet wurden?

      Die Integration der hier lebenden Moslems hat eher schlecht als recht funktioniert? Moslems leben seit vielen vielen vielen Jahren in Deutschland, und lange zeit hat das niemanden gestört. Warum auch?
      Und, bitte gib mir doch mal Beispiele für die fehlende Integration. Ich zumindest hab noch von keinen Moslems gehört die hier in .de leben und Flüchtlingsheime anzünden. Und was bitte sollen „Die Ostdeutschen“ denn in kürzester Zeit wiederholen?
      Ich würde eher soweit gehen und sagen die Integration Ostdeutschlands hat nicht so gut funktioniert – Wenn wir so lange danach immernoch über Ossi/Wessi diskutieren.

      Und, keine Ahnung woher das mit den blühenden Gärten & dem Harz IV kommt. erstmal hat keiner den Osten angelockt mit „euch gehts besser wenn wir wiedervereinigen“ vielmehr hat die unterdrücken durch die Ostregierung dafür gesorgt das es einen Wunsch nach Freiheit gegeben hat – und jeder Ostdeutsche hat die selben Rechte und Freiheiten wie jeder andere in diesem Staat – das wurde also erfüllt.
      Wohnungsknappheit hats im Osten btw, übrigens nicht sosehr, und Beschäftigung, Harz IV (besser als nix?) etc. betreffen uns alle – und nicht nur einen Teil.
      Und wer mit „Zuwanderern nichtdeutscher Herkunftssprache“ ein Problem hat, auf den passt nunmal das rechte Bild, ob er das will oder nicht. Mal davon abgesehen das wir aktuell nicht über Zuwanderer sondern über Menschen sprechen die auf der Flucht sind, und Hilfe brauchen.

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